Sie haben ihre IG Metall-Vertrauensleute gewählt. Die Software-Beschäftigten bei Volkswagen Infotainment wollen einen Tarifvertrag. Ihre Entgelte liegen rund 20 Prozent unter Tarif. Bei den neuen Vertrauensleuten sind auch Internationale dabei, wie der Software Engineer Punith Murugesh aus Indien.
Ein Unternehmen, das Volkswagen in seinem Namen trägt, aber keinen Tarifvertrag hat? Doch, gibt es. Bei Volkswagen Infotainment in Bochum. Auf dem ehemaligen Opel-Gelände liegt das neue Headquarter der VW Infotainment, die 2014 mit rund 200 Mitarbeitern gestartet ist. Inzwischen entwickeln rund 1000 Beschäftigte aus 52 Nationen Software für Volkswagen. Ihre Entgelte liegen rund 20 Prozent unter Tarif.
Bei Ihrer Muttergesellschaft, der VW-Softwaretochter Cariad, gibt es längst einen Tarifvertrag auf Niveau des VW-Tarifs. Letztes Jahr haben die Cariad-Beschäftigten sich mit bundesweiten Warnstreiks eine ordentliche Tariferhöhung von 8,5 Prozent mehr Geld in drei Stufen geholt. Und sie arbeiten dort nur 35 Stunden in der Woche – und keine 40, wie bei Volkswagen Infotainment.
„Ich sah die direkte Wirkung und die Vorteile der IG Metall“
Das wollen sie bei Volkswagen Infotainment auch: einen Tarifvertrag. Deshalb haben sie jetzt IG Metall-Vertrauensleute gewählt. Mit dabei: der Senior Software Engineer Punith Murugesh (im Bild oben mit Sonnenbrille) aus Indien. „Wir machen hier die gleiche Arbeit wie bei Cariad, aber für weniger Geld und mit mehr Arbeitsstunden“, kritisiert Punith.
In Indien arbeitete Punith bei Bosch und sah dort die guten Arbeitsbedingungen in der Produktion, die die Gewerkschaft dort durchgesetzt hatte. Doch für den Software-Bereich galt das nicht, wegen der Sonderkonditionen, die die lokalen staatlichen indischen Regierungsstellen Software-Unternehmen bieten. Ende 2017 kam Punith dann nach Deutschland und arbeitete zunächst als externer Spezialist unter anderem bei Bombardier in Mannheim, bevor er dann in die Festanstellung bei VW Infotainment wechselte.
„Bei Bombardier bekam ich die Warnstreiks in der Tarifrunde 2017/2018 mit – und sah dort die direkte Wirkung, die Vorteile und den Schutz der IG Metall für die Beschäftigten“, berichtet Punith. „Umso erstaunter war ich, als ich zu VW Infotainment kam – und es keine Gewerkschaft und keinen Tarif gab. Ich habe angefangen, mit den Leuten darüber zu sprechen.“
Jetzt mehr IG Metall-Mitglieder gewinnen
Die neu gewählten Vertrauensleute bei VW Infotainment wollen nun mehr Mitglieder für die IG Metall gewinnen, um ihren Tarifvertrag durchzusetzen.
„Das ist nicht so einfach. Einige Beschäftigte hier kommen aus Staaten, wo Gewerkschaften unerwünscht sind und die deshalb Angst haben einzutreten“, erklärt Vertrauensfrau Ariane Menke. „Viele haben auch den Unterschied zwischen Betriebsrat und Gewerkschaft nicht verstanden und sagen: Wir haben doch einen Betriebsrat – wozu brauchen wir dann die IG Metall? Zudem wollen gerade Software-Entwickler oft lieber selbst für sich verhandeln.“
Ariane ist die Assistentin des Betriebsrats bei VW Infotainment, der mittlerweile mehrheitlich aus IG Metall-Mitgliedern besteht – und ist daher nah dran. Regelmäßig treffen sich die Betriebsräte aus Bochum mit den anderen Betriebsräten bei Cariad. „Wir sehen ja, was es bei Cariad gibt“, erklärt Ariane. „Zwar gibt uns VW Infotainment auch was davon weiter, etwa die Inflationsausgleichsprämie von 3000 Euro, die es bei Cariad gab. 2020 etwa haben wir die Gehaltserhöhung von Cariad auch bekommen, wenn auch auf einer deutlich niedrigeren Basis, hochgerechnet auf unsere Gehälter bei 40 statt 35 Stunden in der Woche.“
Tarif – Wissen, was man bekommt
Das Wort „Tarif“ kommt aus dem Arabischen und bedeutet: Wissen, was gezahlt wird. Du weißt, was Du bekommst. Auf der Mitgliederversammlung bei VW Infotainment Ende Juni haben sie auch schon über mögliche Tarifforderung diskutiert. Sie wollen höhere Entgelte, die tariflich geregelt und transparent sind, sowie kürzere Arbeitszeiten.
Klar ist aber: Um ihren Tarifvertrag durchsetzen zu können, müssen sie noch mehr IG Metall-Mitglieder werden. Das wollen sie nun gemeinsam in den nächsten Monaten anpacken – und dann Volkswagen Infotainment zu Tarifverhandlungen auffordern.
Die IG Metall unterstützt die Kolleginnen und Kollegen bei VW Infotainment auf diesem Weg.
„Vor fast zwei Jahren waren es Kollegen aus dem Betriebsrat, die Interesse an dem Thema Tarifvertrag hatten, und unserer Einladung zu einer Infoveranstaltung gefolgt sind“, berichtet Marc Schneider, Kassierer und Zweiter Bevollmächtigter der IG Metall-Geschäftsstelle Ruhr Mitte. „Seitdem haben wir ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut.“
Die IG Metall vor Ort und die Aktiven im Betrieb werden dabei vom Gemeinsamen Erschließungsprojekt (GEP) der IG Metall NRW unterstützt.
„Wir mussten uns den Anforderungen einer internationalen Umgebung sowohl in der Art der Ansprache als auch der Agitation anpassen. Wir haben Anlässe geschaffen und Anlässe genutzt, um mit so vielen Kolleginnen und Kollegen wie möglich zu sprechen, egal ob digital, hybrid oder vor Ort“, erklärt Pantea Bashi, die für das GEP bei VW Infotainment arbeitet. „Die Entwicklung ist besonders erfreulich, weil die Kolleginnen und Kollegen bei VW Infotainment motiviert sind, und so ihre Kollegen motivieren können, Gewerkschaftsmitglied zu werden. Wir freuen uns auf ein gutes Ergebnis mit einem Tarifvertrag für VW Infotainment in Bochum.“
Checke und vergleiche Dein Entgelt
Beschäftigte in der Informationstechnologie- und Telekommunikationsbranche (ITK) verdienen mit Tarif mehr als in Betrieben ohne Tarif. Gleichzeitig ist ihre durchschnittliche Arbeitszeit geringer. Das zeigt die neue ITK-Entgeltanalyse der IG Metall: Dort können ITK-Beschäftigte auch ihr eigenes Entgelt checken und vergleichen.
